Im Auftrag des Virtuellen Campus Rheinland Pfalz (VCRP) habe ich in den letzten Wochen einen Lehrtext zum Thema "Web 2.0 in der Hochschullehre" erstellt.

Dabei war es mir wichtig, in einem Textabschnitt die künstliche (aber medienwirksame) Trennung in Web 1.0 und 2.0 zu thematisieren:

Seit dem Popularitätsschub des durch Tim O'Reilly - dem Besitzer des gleichnamigen Verlags - mit dem Artikel „What is Web 2.0 “ (vom 30. September 2005) geprägten Begriffs „Web 2.0“, werden Websites und –Applikationen, die nicht über die typischen Web 2.0-Merkmale (wie bspw. Ajax, Tagging etc.) verfügen (bzw. in der Zeit vor dem 30.9.2005 gelauncht wurden), gerne unter dem Begriff „Web 1.0“ subsummiert. Laut O'Reilly sei es im Web 1.0 zwar sehr leicht gewesen, Informationen abzurufen, aber aufwendiger, selbst Internet-Inhalte zu erstellen (aufgrund der notwendigen HTML-Kenntnisse, Bedienung von FTP-Clients etc.).

Das Web 2.0 ermögliche es AnwenderInnen hingegen, auf sehr unkomplizierte Weise, selbst Beiträge zum Internet zu verfassen (vgl. O'Reilly, 2005). Diese künstliche Trennung in Web 1.0 und 2.0 widerspricht allerdings der Grundidee und den Konzepten von Tim Berners-Lee (dem Erfinder von HTML und Begründer des World Wide Web, siehe die Abbildung links), die darin bestand, dass jeder im Internet schreiben wie auch lesen kann. Auch ein zweites Unterscheidungsmerkmal ist nicht konsistent: Es wird oft argumentiert, dass das Web 2.0 im Gegensatz zum Web 1.0 – das ja vornehmlich durch Hyperlinks Webseiten miteinander verknüpfe - die Möglichkeit biete, dass sich Personen mit gleichartigen Interessen kennenlernen und sich zu einem Kooperationsnetzwerk verknüpfen können. Auch diese Option ist seit Anbeginn eine Prämisse des „Web 1.0“, wie auch Tim Berners-Lee schon im Jahr 1999 (!) in seinem Buch "Weaving the Web", betonte:

„The web is more a social creation than a technical one. I designed it for a social effect — to help people work together — and not as a technical toy. The ultimate goal of the Web is to support and improve our weblike existence in the world. We clump into families, associations, and companies. We develop trust across the miles and distrust around the corner .“

Es darf auch nicht vergessen werden, dass Internet-Dienste wie bspw. Newsgroups, Public FTP, IRC, aber auch kollaborative Web-Applikationen seit Jahrzehnten existieren und extensiv von den AnwenderInnen genutzt wurden.

So verwundert es auch nicht, wenn Tim Berners-Lee nicht müde wird zu betonen:

„Web 1.0 was all about connecting people. It was an interactive space, and I think Web 2.0 is of course a piece of jargon, nobody even knows what it means. If Web 2.0 for you is blogs and wikis, then that is people to people. But that was what the Web was supposed to be all along .“

So ist das Web 2.0 eigentlich nichts Neues: „Es ist ein Begriff, unter dem die diversen Aspekte der Social Software ebenso subsummiert werden, wie das Zusammenführen von Techniken, die den Desktop im Webbrowser ersetzen sollen. Web 2.0 ist daher eher ein klassisches Buzzword .“


 


Comments

Sun, 05 Jul 2009 13:00:37

Hallo,

danke für den kritischen Blick auf die allgemeine Begriffsverwirrung rund um den Grundgedanken des Internets und den Buzz rund um den 2.0-Begriff. Ich beschäftige mich gerade intensiv mit dem Hypertext-Begriff und kann auch aus dieser Sicht bestätigen, dass das WWW (egal in welcher "Version") eine von mehreren Anwendungsmöglichkeiten ist, um hypertextuelle Strukturen zu realisieren. Insofern sollten wir bei allem "Hype" nicht vergessen, was man heutzutage noch nicht kann -- noch ist Datenportabilität nicht flächendeckend realisiert.

Ich versuche beispielsweise gerade, mein wissenschaftliches Portfolio (i.w.S. des Begriffs) online zu stellen, aber die all-in-one-Lösung ist noch nicht in Sicht. Ideen?

 

Wed, 08 Jul 2009 05:05:12

Hallo,

[...dass das WWW ... eine von mehreren Anwendungsmöglichkeiten ist, um hypertextuelle Strukturen zu realisieren. Insofern sollten wir bei allem "Hype" nicht vergessen, was man heutzutage noch nicht kann -- noch ist Datenportabilität nicht flächendeckend realisiert.]

Ganz meine Meinung :-)

[Ich versuche beispielsweise gerade, mein wissenschaftliches Portfolio (i.w.S. des Begriffs) online zu stellen, aber die all-in-one-Lösung ist noch nicht in Sicht. Ideen?]

Ich experimentiere diesbezüglich gerade mit Zotero 2.0 (mittlerweile meine unentbehrliche "Offline"-E-Portfolio-Lösung) und einem WebDav-Server (für die Synchronisierungsfunktioneen) und den Personal-Page- sowie den Group-Funktionen (für den Präsentationsteil).

Das kommt m.E. für den universitären Einsatz sehr nahe an eine ideale Lösung heran.

Viele Grüße aus dem Montafon
Hartmut

 



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